Das deutsche Gesundheitswesen bleibt in den Schlagzeilen. Neben der Diskussion um die bevorstehende Gesundheitsreform sorgt dafür auch die Ernennung von Carsten Linnemann zum neuen Bundesgesundheitsminister. Dieser hatte sich bereits im April 2026 für eine Reduzierung der Zahl der gesetzlichen Krankenkassen von derzeit noch 93 Kassen auf nur mehr zehn Körperschaften bis zum Jahr 2032 ausgesprochen. Dabei sprach er von einem „riesigen Verwaltungsvolumen“ und von „Milliarden“, die „für nichts“ ausgegeben würden. Vorrangig sollten laut Linnemann kleinere Kassen abgeschafft werden. Als mögliche Untergrenze nannte er einmal 200.000 oder 250.000 Versicherte, ein anderes Mal sogar eine Million. Mit schöner Regelmäßigkeit stoßen auch Ärztevertreter und Sozialverbände ins gleiche Horn. Doch was ist an dieser Behauptung wirklich dran?
Die FinanzKommission Gesundheit, die im Frühjahr 2026 ihre Empfehlungen für die Gesundheitsreform vorgelegt hatte, kam zu dem Ergebnis, dass die Nettoverwaltungsausgaben der Krankenkassen rund vier Prozent der gesamten Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung ausmachen – mit abnehmender Tendenz. Weiterhin konnte sie durch eine Reduktion der Anzahl der Krankenkassen kein nennenswertes Einsparpotenzial erkennen.
Sie verwies dabei auch auf das Nachbarland Österreich, in dem die zuvor neun Gebietskrankenkassen 2020 zu einer einzigen Österreichischen Gesundheitskasse fusioniert wurden. Dabei ergab eine Analyse des Linzer Instituts für Gesundheitssystem-Forschung, dass die Verwaltungsausgaben dieser Einheitskasse im Zeitraum von 2020 bis 2024 um 25 Prozent (!) gestiegen sind.
Die Verwaltungsausgaben aller Krankenkassen in Deutschland steigerten sich im gleichen Zeitraum um lediglich sieben Prozent. Die Kommission stellte daher fest: „Empirisch zeigt sich kein eindeutiger Zusammenhang zwischen der Größe einer Krankenkasse und ihren Verwaltungsausgaben je Versicherten. Es gibt kleinere und größere Krankenkassen mit deutlich unter- beziehungsweise überdurchschnittlichen Verwaltungskosten.“
Nachzulesen im Ersten Bericht der FinanzKommission Gesundheit, S. 384-386 und 390-391.
Welche weitergehenden Informationen hatte der künftige Gesundheitsminister also, die die Kommission vielleicht nicht berücksichtigt hat?
„Es gibt keine solchen Informationen“, sagt Thomas Adolph, der Geschäftsführer des unabhängigen Vergleichsportals www.gesetzlichekrankenkassen.de. „Die Aussage, dass durch die Reduktion der Zahl der Krankenkassen Milliardenbeträge eingespart werden können, ist falsch und wird auch durch ständige Wiederholung nicht richtiger.“ Dies hat auch die bisherige Gesundheitsministerin Nina Warken am 16.07.2026 ausdrücklich bestätigt.
„Unsere Daten zeigen immer wieder, dass viele kleine Krankenkassen sogar deutlich günstigere Verwaltungskosten haben als wenige große! Es wäre also sogar gut, wenn wir mehr kleine Kassen statt weniger Großkassen hätten“, so Thomas Adolph.
Eine Auswertung von www.gesetzlichekrankenkassen.de zu den Verwaltungskosten der Krankenkassen auf Basis der öffentlich zugänglichen Zahlen des Jahres 2024 beweist:
Bei den 16 großen Kassen mit über einer Million Versicherten betrugen die durchschnittlichen Verwaltungskosten je Versicherten (bezogen auf die Gesamtzahl von knapp über 59 Mio. Versicherten bei diesen 16 Kassen) 185,66 EUR im Jahr. Darin sind alle Kosten enthalten, natürlich auch die immer wieder gerne benannten Vorstandsgehälter.
34 Kassen hatten zwischen 100.000 und einer Million Versicherte (zusammen 13,3 Mio. Personen). Die durchschnittlichen Verwaltungskosten betrugen hier nur 162,65 Euro im ganzen Jahr, was mehr als 13 Prozent unter denen der Großkassen liegt!
Bei den 43 Kassen mit bis zu 100.000 Versicherten (zusammen knapp 1,6 Mio. Personen) lagen die durchschnittlichen Verwaltungskosten pro Versicherten bei 173,89 Euro im Jahr, allerdings mit einer großen Spreizung zwischen sehr günstigen 90,60 Euro und extrem hohen 277,20 Euro. Aber auch damit sind die Kleinstkassen im Schnitt um rund 7 Prozent günstiger in der Verwaltung als die Großkassen.
2024:
| Anzahl Kassen | Größenklasse (Anzahl Versicherte) | Durchschnittliche Netto-Verwaltungskosten je Versicherten |
|---|---|---|
| 16 Kassen | über 1 Mio. Versicherte | EUR 185,66 |
| 34 Kassen | 100.000 bis 1 Mio. Versicherte | EUR 162,65 |
| 43 Kassen | bis 100.000 Versicherte | EUR 173,89 |
| alle 93 Kassen: | EUR 168,54 |
Ohne die Landwirtschaftliche Krankenkasse und ohne BKK Karl Meyer, da letztere entgegen gesetzlicher Vorschriften ihre Verwaltungskosten nicht publiziert.
1993 gab es laut GKV-Spitzenverband in Deutschland noch 1.221 gesetzliche Krankenkassen. Derzeit sind es noch 93 Kassen und die nächsten Fusionen stehen noch in diesem und im nächsten Jahr an. Die enorme Reduktion der einst riesigen Zahl von Krankenkassen hätte sich längst in deutlich niedrigeren Verwaltungskosten zeigen müssen, wenn dies tatsächlich ein solches Problem wäre.
Zwar sind die Verwaltungsausgaben insgesamt seitdem gestiegen, aber deutlich langsamer als die Leistungsausgaben der Kassen. Laut Pressemitteilung des Bundesgesundheitsministeriums vom 19. Juni 2026 sind die Verwaltungskosten der Kassen seit 2013 im Durchschnitt um lediglich 2,5 Prozent pro Jahr angewachsen. Für das erste Quartal 2026 stellte das Ministerium sogar einen leichten Rückgang der Netto-Verwaltungskosten im Vergleich zum Vorjahr fest, während die Leistungsausgaben um acht Prozent anstiegen.
Betreute 2004 ein Krankenkassenmitarbeiter im Durchschnitt 487 Versicherte, waren es 2024 bereits 564 – eine Effizienzsteigerung um 16 Prozent, wie die Finanzkommission Gesundheit feststellte. Und nicht zu vergessen: Durch die Reduktion der Zahl der Krankenkassen wird die Zahl der Versicherten nicht weniger, die verwaltet und betreut werden müssen. Dadurch aber entstehen die Kosten!
Fazit:
„Die großen Kassen mit mehr als einer Million Versicherten sind im Schnitt um mehr als 14 Prozent teurer als mittelgroße Kassen“, so Thomas Adolph. „Es zeigt sich ganz klar, dass die Vielzahl gerade auch von mittelgroßen und kleinen Kassen die Verwaltungskosten in Summe sogar senkt. Eine Einheitskasse oder wenige große Kassen würden zu höheren Kosten führen, da es keinen echten Druck zur Effizienz mehr gibt.“
Kassensuche GmbH
29.07.2026
